meine Gedanken zur #ehefüralle oder: warum ich nicht in Regenbogeneuphorie verfalle

  • In der Nachbarschaft in der ich aufgewachsen bin wohnten zwei Männer zusammen, das habe ich nie hinterfragt. Als dann irgendwann in der Schule das Thema "Schwul" thematisiert wurde (im Zusammenhang mit derben Witzen und dem Konzept 'angeschwult' zu werden), fiel bei mir der Groschen (Groschen damals ja noch): die beiden... die sind dann wohl auch schwul? Und das war es dann, ich habe dann nicht weiter darüber nachgedacht.
  • Ich habe die 80er Jahre ja schon damals gehasst, denn bei aller Verklärung (Nena!!!) waren sie ein Zeitalter der Spießigkeit und Intoleranz, insbesondere im Hinblick auf individuelle Lebensgestaltung. Männer durften viel und Frauen durften mitmachen, und alle Männer waren einig in der Angst davor "angeschwult" zu werden. Ich verweise auf die Kießling-Affäre (die jungen Leserinnen und leser googeln das bitte mal) und das unerträgliche Victim-Blaming der HIV-Infizierten.
  • In den 80ern war es meiner Erinnerung nach eher tolerabel, als Mann eine "Beziehung" zu einer minderjährigen Schutzbefohlenen zu haben (naja die sind ja auch keine Engel, die frühreifen Dinger) als zu gleich alten Männern. Aus heutiger Sicht sind die damaligen Gruppen der "Schwulen und Päderasten" zu Recht nur sehr schwer zu ertragen, aber man darf nicht vergessen dass sie bis in die 80er auch noch mit dem selben Stock geschlagen wurden.
  • Ich kenne mich mit dieser modernen Gender- und Feminismusforschung nicht aus, was wahrscheinlich daran liegt dass ich als weißer Hetenmann identifiziere und somit natürlich die Privilegienkeule quasi abonniert habe. Aber es leuchtet mir nicht ein, warum man diese M/F-Geschichte überhaupt braucht. Warum werden wir nicht einfach als "Mensch" im Standesamt angemeldet und alles andere klärt Mensch dann selber, es kommt ja höchstens im Krankenhaus oder bei der Partnersuche drauf an und beides ist ja nun völlige Privatsache.
  • Frau Müller hat geheiratet und heißt jetzt Müller-Lüdenscheidt, und jetzt hat sie wieder geheiratet und heißt jetzt Meyer, und keiner zuckt auch nur mit den Schultern. Herr Schmidt heißt jetzt Frau Schmidt und alle flippen aus. Ich verstehe es nicht.
  • Früher hat man unverheiratete und / oder junge Frauen ganz selbstverständlich mit "Frollein!" angesprochen. Heute ist das eher peinlich. Aber Gendersternchen, Innen-I oder wie auch immer ist ein Zeichen der nahenden Genderapokalypse und wird sich nie durchsetzen. Auch das verstehe ich nicht.
  • Und jeder von uns kennt genug Kinder, die aus Bilderbuch-Vatermutterkindfamilien direkt in die Psychose geschlittert sind, und Kinder von alleinerziehenden Elternteilen aus denen "was geworden" ist, um die Argumentation "Kinder brauchen Vater und Mutter" wenigstens mal zu hinterfragen. Andererseits kann ich mir vorstellen dass es ein ganz gutes Vorbild für Kinder sein kann, wenn ihre Bezugspersonen gegen starke äußere Einflüsse zusammengehalten haben...
  • Also, schlussendlich: Für alle Kinder der 80er ist die "Ehe für alle" meiner Meinung nach nichts was man feiern kann, sondern nur die Begleichung eines Bruchteils einer sehr langen und sehr unangenehmen Schuld. Einer Schuld, die schon sehr lange in den Büchern steht und die man jetzt endlich, errötend, teilweise einlöst. Und, liebe Genossinnen und Genossen, wir haben nicht "lange dafür gekämpft". Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben uns lange vorführen lassen und jetzt sind wir über das Regenbogenstöckchen gesprungen, dass uns Angela Merkel hingehalten hat.
  • Deshalb ist mein Profilbild nicht regenbogenfarbig und ich bitte um Verständnis.